Genießen, Lernen und Beschweren

Wer würde nicht gerne das Leben voll und ganz genießen, am liebsten vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche? Unsere Lebenserfahrung spricht allerdings eine andere Sprache. Zum Leben gehören auch unangenehmere Gefühle und Schmerz. Wie gehen wir damit um? Und was können wir daraus lernen?

Mann FrauWenn wir das Leben gerade nicht genießen, dann haben wir, vereinfacht gesagt, zwei Optionen: wir können aus der Situation das lernen, was uns wieder in die Lage versetzt zu genießen, oder wir können uns darüber beschweren. Für unser Lebensgefühl hat die Wahl zwischen diesen beiden Möglichkeiten weit reichende Konsequenzen. Oft sind wir uns dessen aber nicht bewusst. Was ist mit Genießen, Lernen und Beschweren nun genau gemeint?

• Unter Genießen verstehen wir im Allgemeinen, Lust, Vergnügen oder Freude an oder mit etwas zu empfinden. Genuss scheint von einem Objekt abhängig zu sein, sei es nun von der Schokolade, einem Sexualpartner oder einem Sonnenuntergang. Inwieweit ist es jedoch auch möglich, unser pures Dasein zu genießen? Dieser Frage werden wir weiter unten genauer nachgehen, denn ihre Beantwortung hat große Folgen, nicht zuletzt auch in Bezug darauf, ob wir lieber lernen oder uns beschweren.
Lernen bedeutet uns neue Fähigkeiten und Kenntnisse anzueignen. In den vorangegangenen Kapiteln wurde darüber schon mehr gesagt.
• Wenn wir uns beschweren, bringen wir damit gewöhnlich zum Ausdruck, dass uns etwas nicht gefällt und wir die Verantwortung dafür außerhalb von uns selbst verorten. Übernehmen wir zumindest teilweise die Verantwortung für unser Missfallen, sind wir bereits wieder dabei etwas zu lernen.

Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie zwischen diesen drei Verhaltensweisen wählen können. Wenn wir Genuss von äußeren Dingen abhängig machen, dann richten wir auf der Suche danach unsere Aufmerksamkeit mehr nach außen als nach innen. Sobald wir aber ahnen, dass unsere Fähigkeit zu genießen viel mehr von inneren Vorgängen und von unserem Bewusstseinszustand beeinflusst wird, schauen oder spüren wir lieber nach innen. Und dort finden wir auch Inspiration auf die Frage, wie wir unser pures Dasein genießen können.
Beginnen wir mit dem Genießen auf der körperlichen Ebene. Die meisten Menschen werden dabei zunächst ans Essen oder an Sex denken. Wenn wir weiter nachforschen, erinnern wir uns an eine ganze Reihe lustvoller körperlicher Aktivitäten, angefangen von verschiedenen Formen von Berührung bis hin zu Tanz und Sport. Spüren wir noch tiefer in uns hinein, können wir entdecken, dass sogar das pure Gewahrsein unserer Atmung, unseres Herzschlages oder anderer subtiler innerer Bewegungen genussvoll sein kann. Wir stoßen dann auf ein Grundprinzip des Lebens: Pulsation. Weil das Leben permanent in und durch uns pulsiert, können wir auch unser pures Dasein im Körper genießen.
Jede Zelle pulsiert, das heißt sie bewegt sich permanent in ihrem Rhythmus zwischen Expansion und Kontraktion. Zellen pulsieren jedoch nicht isoliert voneinander, sondern sie verbinden sich zu lustvollen Schwingungen, die sich über den ganzen Körper ausbreiten, wenn dies nicht beispielsweise durch chronische Muskelspannungen und verflachte Atmung behindert oder unterbunden wird. Leider ist letzteres in unserer zivilisierten Kultur eher die Regel als die Ausnahme, weshalb die meisten Menschen solche Phänomene – wenn überhaupt – nur als sexuelle Erregung kennen. Andere kennen es auch als Gänsehaut oder als innere Schauer, die uns schöne Musik oder andere tief berührende Erlebnisse durch den Körper jagen können. Die feinere Grundlage dieser Erfahrungen ist die Pulsation unserer Zellen und der mit ihnen einhergehende Energiefluss im WelleKörper, der solange wir leben immer vorhanden ist, ohne jedoch immer wahrgenommen zu werden.

Der zyklische Wechsel zwischen Expansion und Kontraktion findet auf allen Ebenen unserer Existenz statt, nicht nur körperlich. Auch unsere Emotionen würden, ließen wir sie sich wirklich frei bewegen, permanent schwingen, und jedes Gefühl würde bald einem neuen Platz machen, so wie wir das bei Kindern gut beobachten können. Auch Gefühle pulsieren, dehnen sich aus und ziehen sich wieder zusammen. Jeder, der schon einmal intensiv geweint hat, konnte das beobachten: Gefühle kommen und gehen in Wellen. Was allerdings wenige Menschen kennen: wenn wir Gefühle frei schwingen lassen, dann können wir jedes einzelne genießen. Es ist der Widerstand gegen unsere Gefühle, der sie ungenießbar macht.
Sogar unsere Gedanken oszillieren natürlicher Weise zwischen einem engem Fokus und unscharfer Weite hin und her. Auf diese Weise können wir besonders kreativen Gebrauch von unserem Gedankengenerator, dem Verstand, machen. Und wir können auch das Kommen und Gehen unserer Gedanken genießen, wenn wir sie nicht vorschnell dem strengen Regiment von richtig und falsch unterwerfen.
Es ist die Fähigkeit zu kontinuierlichem Wechsel zwischen Kontraktion und Expansion, die uns in die Lage versetzt, auf die Herausforderungen des Lebens eine authentische, lebendige Antwort zu finden. Mit dieser bringen wir uns immer wieder mit uns selbst und mit unserer Umwelt ins Gleichgewicht. Ein lebendiges, pulsierendes Gleichgewicht bereitet uns Vergnügen. Wir können es uns an der Tätigkeit eines Muskels veranschaulichen. Kann der Muskel sich frei anspannen und wieder entspannen, können wir ihn genießen. Sind wir jedoch zu lange kontrahiert oder expandiert, fühlen wir unangenehme Verspannungen bis hin zum Schmerz oder unangenehme Erschlaffung bis hin zur Antriebslosigkeit.

Wenn wir unser Leben zeitweilig oder dauerhaft nicht genießen, so ist dies ein Zeichen dafür, dass wir unseren Rhythmus von Ausdehnen und Zusammenziehen, von Aktivität und Passivität, von Kreativität und Rezeptivität oder von bei uns sein und im Kontakt sein verloren haben. Meistens sind wir dann auf den einen oder anderen Pol fixiert, d.h. entweder chronisch expandiert oder kontrahiert, oder wir pendeln mit geringer Amplitude zwischen diesen Polen, d.h. wir leben auf Sparflamme. In allen drei Fällen sind wir nicht in der Lage, spontan zu reagieren und schnell wieder in ein neues, dynamisches Gleichgewicht zu gelangen. Es ist vergleichbar mit der Flexibilität beim Laufen. Jeder einzelne Zustand beim Laufen ist für sich genommen instabil. Wenn wir an irgendeiner Stelle inmitten des Bewegungsablaufes innehalten, würden wir leicht umfallen. Wenn wir uns davor schützen und gar nicht erst loslaufen kommen wir nicht vom Fleck. Aber in der dynamischen Abfolge von Instabilitäten laufen wir stabil und sind trotzdem frei in jedem Moment die Richtung zu ändern. Analog dazu ist ein beschwingtes Leben eine Abfolge von Instabilitäten, die zusammen pulsieren. Dies gibt uns jederzeit die Möglichkeit, unseren Kurs zu korrigieren und uns immer wieder in Harmonie mit unserer Umwelt zu begeben. Wer würde das nicht genießen? Allerdings fehlt noch etwas zum vollständigen Genuss.

Wir befinden uns nicht mehr auf der primitiven Ebene eines Einzellers, sondern haben im Laufe der Evolution höchst komplexe Möglichkeiten entwickelt, uns auszudehnen und wieder zusammenzuziehen. fliegenHier greift ein weiteres Grundprinzip allen Lebens, nämlich die Entwicklung von geringerer hin zu größerer Komplexität. Unsere lebendige Anpassung an das sich stets weiter entwickelnde Leben beinhaltet immer auch einen Prozess der Weiterentwicklung. Leben ist Lernen. Wenn wir das Leben dauerhaft genießen wollen, ist es nicht damit getan, auf die immer gleiche Weise zu schwingen. Wir wollen immer neue Arten finden, das Leben zu genießen, und dabei wachsen und lernen wir. Jedes kleine Kind genießt es, an neuen Herausforderungen neue Fähigkeiten zu entwickeln. Genießen und lernen schließen sich also nicht aus, und schon gar nicht sind sie Gegensätze. Es sind zwei grundlegende Missverständnisse unserer Kultur, die es allerdings so aussehen lassen.

1. Genuss ist nicht das gleiche wie Komfort. Komfort ist zwar angenehm, wirkt aber nur sehr oberflächlich, denn Komfort richtet sich vor allem auf die Vermeidung unangenehmer oder schmerzlicher Gefühle. Wer nur Komfort sucht, will kaum etwas lernen.
2. Genuss ist nicht das Gegenteil von Schmerz. Tieferer Genuss, echtes Vergnügen oder wirkliche Lust beinhalten bzw. integrieren sogar ein gewisses Maß an Unlust oder Missvergnügen. Wer letztere chronisch vermeidet, will von ihnen nichts lernen.

Um uns zu entwickeln brauchen wir die Bereitschaft, nicht nur angenehme und lustvolle Gefühle wahrzunehmen, sondern auch die weniger angenehmen oder schmerzhaften, denn diese sind wichtige Signale für Kurskorrekturen. Wenn wir uns auf angenehme Gefühle fixieren und alle anderen verdrängen, dann verkennen wir die wahre Natur des Genießens: Pulsation. Das Leben schwingt zwischen Harmonie und Disharmonie und entwickelt sich stets weiter zu höheren, komplexeren Harmonien. Erst wenn wir auch Zuständen unangenehmen Ungleichgewichtes genügend Aufmerksamkeit schenken, können wir herausfinden, was zu tun oder zu lassen wäre, um auch umfassendere Harmonien zu genießen.
Ein recht banales Beispiel: wir genießen ein Stück Schokolade. Lecker. Wir essen noch eins. Und noch eins. Wir ignorieren die ersten Symptome von Unwohlsein und essen die ganze Tafel. So geht das Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre. Bis wir irgendwann bereit sind zu lernen, dass wir eine ausgewogene Ernährung mehr genießen als immer nur Schokolade.
Da in unserer Kultur weitgehend Genuss und Vergnügen mit Komfort und Bequemlichkeit verwechselt werden, sind wir oft nicht bereit, die Mühen, Herausforderungen und Unbequemlichkeiten des Lernens auf uns zu nehmen. Manche Menschen glauben sogar ein Recht darauf zu haben, keinerlei Unannehmlichkeiten erleiden oder Schmerz ertragen zu müssen. Sie fordern gegen jeden Schmerz eine Pille und gegen jedes Risiko eine Versicherung. Wenn wir uns diese Einstellung zu Eigen machen hören wir bald auf zu lernen. Dann fangen wir an uns zu beschweren.

Wie in dem Wort beschweren unmissverständlich anklingt, machen wir uns und unser Leben dadurch nicht leichter, sondern schwerer. Erst geben wir die Verantwortung und damit auch die Steuerungsmöglichkeit für unser inneres Befinden aus der Hand. Anschließend fühlen wir uns ohnmächtig, was wir dann als Bestätigung dafür auffassen, dass wir selbst kaum Einfluss auf unser Befinden haben. Im Modus des Beschwerens kreieren wir einen Teufelskreis: je mehr wir uns beschweren, desto schwerer wird das Leben. Je schwerer das Leben wird, desto mehr sehen wir darin einen Anlass uns zu beschweren. Auf diese Weise entfernen wir uns immer weiter davon unser Leben zu genießen. Haben wir diesen Teufelskreis lange genug durchlebt und durchlitten, erweitern wir unser Repertoire noch durch eine weitere Verhaltensweise: wir resignieren. Wir glauben nichts mehr tun zu können und verlieren alle Hoffnung auf Besserung. In der klinischen Psychologie nennt man diesen Zustand Depression. In unserer Kultur forscht man konsequentermaßen daran, wie auch diesen Zustand möglichst einfach mit einer Pille zu beseitigen wäre, ohne zu verstehen, dass es hier jeweils etwas zu lernen gibt. Damit spreche ich mich nicht grundsätzlich gegen den Gebrauch von Schmerzmitteln oder Psychopharmaka aus. Sie sind jedoch nicht mehr als eine Notlösung und behindern uns in unserer Entwicklung, wenn sie zur Regel werden.

Wenn wir die Dynamik zwischen Genießen, Lernen und Beschweren verstehen, dann wird klar, was wir brauchen um uns wieder zu erleichtern. Wir erleichtern uns, indem wir wieder bereit sind zu lernen, was es zu lernen gibt. Dass diese Alternative für viele Menschen nicht als hoffnungsvolle, Erleichterung in Aussicht stellende Alternative wahrgenommen wird, liegt daran, dass wir verlernt haben, auf natürliche, freudvolle, lebendige, authentische und vor allem selbstverantwortliche Weise zu lernen. Je mehr wir jedoch die Erfahrung machen, dass wir uns das Leben leichter machen, wenn wir die Aufgaben angehen, die uns das Leben präsentiert, desto leichter fällt es uns auch, aus dem Modus des Beschwerens wieder auszusteigen und zurück zu finden zu unserer Lernbereitschaft und zum Genuss.
Lernwillig zu sein bedeutet nicht, dass wir nicht auch Wünsche äußern, Forderungen stellen oder Strategien entwickeln könnten, mit denen wir versuchen, eine Situation zu unserem und im besten Falle aller Wohl zu verändern. Auch so übernehmen wir Verantwortung und sind bereit zu lernen, produktiv auf die Situation Einfluss zu nehmen. Ganz anders dagegen sieht es aus, wenn wir uns beschweren. Das Verhalten mag äußerlich ähnlich aussehen, aber die innere Haltung ist das genaue Gegenteil von Lernbereitschaft. Woran erkennen wir den Unterschied? Im Beschwerdemodus werden wir unbelehrbar an Wunsch, Forderung oder Strategie festhalten, auch wenn sie offensichtlich nicht die gewünschte Resonanz erhalten. Der langfristige Erfolg von Beschwerdestrategien ist daher eher bescheiden.

Es ist nicht nur ein individueller, sondern auch ein kollektiver Lernprozess, der hier ansteht und den eine Schule des Seins unterstützen kann. Ein genussvolles, erfüllendes oder glückliches Leben erreichen wir nicht durch die Fixierung auf Genuss, Erfüllung oder Glück,Blüte sondern durch unsere Bereitschaft, alle Aspekte des Lebens als das wahr- und anzunehmen, was sie sind: Gelegenheiten unsere jeweils eigene, authentische Antwort darauf zu finden. Dann sind wir lebendig und entwickeln uns weiter. Wenn wir uns mit den darin zum Ausdruck kommenden Grundprinzipien des Lebens auf allen Ebenen wieder verbinden, es körperlich-organisch spüren, es emotional fühlen, es von Herzen umarmen und es intellektuell verstehen, dann verbinden wir uns mit unserem unmittelbaren, natürlichen und dynamischen Sein. Wir können, aber wir müssen nicht immer etwas dafür tun. Wir können Ja sagen zum Leben, so wie es ist, zeitweilige Neins und genussvolles oder auch weniger genussvolles Fluchen mit inbegriffen. Wir begreifen dann auch, dass das Leben nicht dazu geschaffen ist, uns vor seinen Risiken und Herausforderungen chronisch zu schützen oder uns dagegen zu versichern, sondern sie sowohl individuell als auch kollektiv mit unseren wachsenden Fähigkeiten und Kenntnissen auf unsere ganz einzigartige Weise zu beantworten. Und dies alles können wir lernen zu genießen.

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