Lernen im und vom Sein

Das Sein ist dynamisch, ist stete Bewegung und Entwicklung. Panta rhei, alles fließt, erkannten schon Philosophen des antiken Griechenland. Dies wirkt sich auch auf unser Erleben aus. Wenn wir uns einlassen auf das, was ist, dann erleben wir die dynamische Qualität des Seins subjektiv als Neugier. SaturniaIn Kontakt mit unserem Sein müssen wir keine festgefahrene Identität aufrecht erhalten, wir müssen nicht Recht behalten, wir müssen nichts beweisen, denn wir tragen eine tiefe Intuition in uns: zu sein heißt sich zu verändern. Wir sind frei, der Inspiration des Augenblicks zu folgen. Je mehr wir unserer Existenz verbunden sind und ihr vertrauen, desto mehr wollen wir spielen, entdecken, erforschen. Wir wollen das Leben annehmen und es erleben. Wir sind Neugier. Wir sind Spieler. Wir sind Forscher. Wir sind Offenheit für das Unbekannte. Wir genießen es zu lernen. All das ist unsere Natur, ist unser Sein.

Wenn Lernen Genuss ist, warum sehnen sich dann die Kinder danach, dass endlich Ferien sind und sie eine Lernpause einlegen dürfen? Was in den bei uns üblichen Schulen stattfindet, ist kein echtes Lernen. Anstatt zu lernen bekommen die Schüler dort etwas eingetrichtert. Anstatt ihrer eigenen Neugier folgen zu dürfen, werden sie darauf gepolt, sich standardisierten Lehrplänen mitsamt Belohnungs- und Bestrafungssystemen anzupassen. Was sie sind, zählt nichts, was aus ihnen einmal werden soll, gilt als alles dominierendes Kriterium. Letztlich geht es dabei vor allem um die wirtschaftliche Verwertbarkeit ihrer Arbeitskraft.

Die traditionelle Schule ist insofern das genaue Gegenteil einer Schule des Seins. Sie ist eine Schule des Sollens, des Müssens und des Nicht-Dürfens. Ihre Schüler werden nicht darin unterstützt, von und mit dem zu lernen, was ist, sondern sich vollkommen an etwas auszurichten, was mit ihrem aktuellen individuellen Dasein wenig bis gar nichts zu tun hat.
Weil das niemand gerne freiwillig tut, greifen die Schulen zu den klassischen Werkzeugen wirkungsvoller Konditionierung, wie sie auch bei Tieren Erfolg haben: Belohnung und Bestrafung. Das passende Beschreibung für solcherart Lernen wäre: wir werden abgerichtet. Wie aber kommen wir aus all den Verhaltensweisen, Gefühlsmustern und Denkgewohnheiten wieder heraus, die uns mit soviel Aufwand beigebracht wurden?

Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer. Antoine de Saint-Exupery

Die Sehnsucht ist unser Schlüssel. Sie weist uns den Weg. In einer Schule des Seins brauchen wir allerdings niemandem seine Sehnsucht zu lehren. Sie ist bereits da, sie wohnt tief in unserem Herzen. Viel wichtiger ist es, eine Atmosphäre zu schaffen, in der wir uns ermutigt fühlen, unsere Sehnsüchte zu spüren und ihnen nachzugehen.
MeerDie entscheidende Frage für den Charakter einer Schule und wie darin gelernt wird ist die der Motivation: Warum lernen wir? Für wen oder was lernen wir? Lernen wir aus eigenem inneren Antrieb oder weil wir eine Belohnung dafür erwarten oder im Falle eines Misserfolges Bestrafung befürchten müssen?
Motivation durch Belohnung gilt als fortschrittlicher und menschlicher als die schwarze Pädagogik mittels Sanktionen. Aber letztlich sind beides extrinsische Motivationen, die jemandem auferlegt werden, der dies von sich aus eigentlich nicht begehrt.
Es ist durch Untersuchungen belegt: extrinsische Motivationen betäuben nach und nach das Gespür für unsere inneren Motive. Kinder, die beispielsweise gerne malen, ohne etwas dafür zu erwarten, verlieren die Lust daran, wenn sie eine Weile für ihre Bilder belohnt wurden. Sie malen dann irgendwann nur noch für die Belohnung. Bleibt diese aus, hören sie auf zu malen. Weil dieses Phänomen unsere gesamte Kultur zutiefst prägt und unsere Motivationen untergräbt, haben die meisten Menschen das Vertrauen verloren, dass Menschen ohne ein System von Belohnung und Bestrafung noch etwas von Wert erschaffen. Schüler, die anstatt aus eigener Neugier für gute Noten lernen, werden darauf vorbereitet, später für Geld zu arbeiten anstatt für etwas, was ihnen selbst wertvoll erscheint.

Wenn wir das lernen wollen, was uns wirklich interessiert und was uns etwas bedeutet, dann brauchen wir im Grunde keine äußeren Motivationen. Wir brauchen etwas Geduld und die Bereitschaft, in uns hinein zu lauschen, um die im Vergleich zu den lauten Stimmen antrainierter äußerer Motivationen leisen Töne inneren Antriebes zu hören. Sie sind zwar anfangs leiser, aber sie sind viel zuverlässiger, denn sie sind da, ohne dass wir etwas dafür tun müssten. Sie sind Botschafter unserer inneren Natur, unseres dynamischen Seins. Unsere intrinsischen Motivationen brauchen, um wieder in unserem Gewahrsein aufzutauchen, eine wohlwollende Haltung zu dem, was ist, zu dem, wer wir sind, jenseits von all dem, was wir darüber gelernt haben, wer oder wie wir sein sollten.

In einer Schule des Seins brauchen wir das Leben nicht neu zu erfinden. Unsere Lebenskraft wurde uns in die Wiege gelegt, und sie äußert sich nicht zuletzt in unserer Neugier und Bereitschaft zu lernen. Wir segeln mit dem Wind anstatt mit einem künstlichen Motor gegen den Wind vorankommen zu wollen. Der Wind ist das, was bereits da ist. Alles, was es braucht, ist uns für unmittelbare Wahrnehmung zu öffnen und uns von all den verinnerlichten Botschaften zu verabschieden, die uns ablenken und uns andere Ziele als erstrebenswerter vorgaukeln als unsere eigenen.

Wenn es darum geht, sich für etwas zu motivieren, gilt der Innere Schweinehund als der große Widersacher, den es zu überwinden gilt. Es gibt in jedem von uns einen ganz natürlichen inneren Konflikt zwischen Motiven, die auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung aus sind, und denen, für deren Befriedigung wir vorher einen gewissen Aufwand betreiben müssen. Es ist der Konflikt zwischen dem Spatz in der Hand oder der Taube auf dem Dach, oder der zwischen Fastfood jetzt oder Gourmetmenu in zwei Stunden. Es gehört zu unserem natürlichen Reifungsprozess, uns auch mal gegen Fastfood entscheiden und statt dessen ein aufwändiges Menü zubereiten zu wollen, das dann – hoffentlich – auch viel besser schmeckt. Den inneren Schweinehund zu überwinden bedeutet hier, der Verlockung schneller Sättigung widerstehen zu können, um Höherwertiges zu erschaffen. Eine Entwicklung hin zu dieser Fähigkeit findet ganz von allein statt, wie wir bei Kindern beobachten können, die einigermaßen frei aufwachsen.

Dieser natürliche innere Konflikt wird regelmäßig überlagert von dem Konflikt zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation, wobei letztere über die Jahre längst verinnerlicht wurde und daher kaum noch von wirklicher innerer Motivation zu unterscheiden ist. Allzu oft wurde uns vermittelt, wir müssten eben unseren inneren Schweinehund überwinden, um größeres zu schaffen, aber eigentlich wurden wir damit nur von unseren inneren Motiven entfremdet. Insofern ist der Innere Schweinehund auch so etwas wie ein Freund, der uns darauf aufmerksam machen kann: für wen oder was schaffe ich hier eigentlich? Sind dies wirklich meine eigenen Werte und Motive? Und wenn wir diesen Motiven wieder auf der Spur sind, dann stellt sich der Schweinhund nicht mehr in den Weg, sondern suhlt sich mit uns im Genuss (Schweine sind lustvoll intelligent!) und hält uns zugleich bei der Stange (Hunde sind treu!).

Unser Sein ist keine träge Masse, die mit Anstrengung und von außen auferlegter Motivation in Bewegung gebracht werden müsste. Es ist dynamisch und weist uns den Weg. Wenn wir auf diese Weise im und vom Sein lernen, dann brauchen wir keine Einpeitscher und keine Noten um weiter zu kommen. In einer solchen Schule wären Kinder begeistert, lernen zu dürfen. Begeisterung ist Dünger für das Gehirn, betont der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther. Und er berichtet von alternativen Schulformen, in denen Kinder weinen, wenn die Ferien beginnen, weil sie sich in der Schule so wohl fühlen. Auch in der Schule des Seins ist es nicht die Ausnahme, dass Menschen weinen, wenn ein Kurs zu Ende geht. Es ist ein Zeichen davon, dass was immer hier gelernt und erfahren wurde wertvoll war. Trauer ist das dafür geeignete Gefühl, um diesen Wert zu spüren, um das, was war, loszulassen. Die Sehnsucht wurde geweckt und kann den Weg weisen, die Begeisterung des Seins auch in den Alltag zu bringen.

UBodypaintingm unsere innere Motivation wieder zu spüren brauchen wir Zeiten der Muße, des Innehaltens, des Nichts-Tuns. Auch hier belegen inzwischen Hirnforscher, was jedem Künstler längst bekannt ist: Kreativität entsteht aus der Muße heraus. Es gibt Hirnareale, die nur in Zuständen der Muße aktiviert werden. In der Schule des Seins ist der organische Rhythmus zwischen Aktivität und Loslassen essentiell. Dieser Rhythmus ergibt sich aus dem Gewahrsein dessen, was in uns vorgeht und was wir gerade brauchen. Lernen im und vom Sein ist Lernen, das sich frei aus der Muße heraus entwickelt, uns eine gewisse Zeit begeistert und zu höchster Konzentration und auch Anstrengung zu motivieren vermag, um uns dann wieder loszulassen und uns der Verdauung und Integration anheim zu geben.

Lernen in und vom Sein ist keine Anhäufung von Wissen. Wesentlicher als das Wissen ist unser Nicht-Wissen und unser wachsendes Vertrautsein mit dem Nichtwissen. Auch hier unterscheidet sich die Schule des Seins von der traditionellen Schule, in der Nicht-Wissen so viel wie Versagen bedeutet. Dabei ist es das prickelnde Gewahrsein unseres Nichtwissens, das unsere Neugier weckt. Wissen, das wir uns getrieben durch unsere Neugier angeeignet haben, ist dabei nichts, was wir – mindestens bis zu nächsten Klassenarbeit – festhalten wollen, sondern es ist ein Sprungbrett in weitere Regionen des Nichtwissens. Lernen in der Schule des Seins ist ein dynamischer Prozess, in dem Wissen und Nichtwissen sich gegenseitig befruchten und unsere Kreativität wecken. Was aus uns wir,d ist dabei einzigartig und nicht vorhersehbar. Es lässt sich auch nicht anhand standardisierter Tests prüfen. Der Lernerfolg misst sich daran, dass wir motiviert sind, weiter zu lernen und zu wachsen und den Mysterien des Lebens auf die Spur zu kommen.

Auch in der Schule des Seins begegnen wir Widerständen gegen das Lernen. Das hat vor allem mit all den schmerzhaften Erlebnissen unserer Kindheit zu tun, die wir noch heute mit Lernen assoziieren. Es hat aber auch damit zu tun, dass wir in einer Kultur der Schmerzvermeidung leben, die uns suggeriert, es gebe ein Leben ohne Schmerz oder als hätten wir gar ein Recht darauf. Insofern berührt jede Schule auch unsere Wunden und verweist uns auf die Frage: in welchem Verhältnis zueinander stehen Lernen und Heilen?

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