Die Beziehung zwischen Sein und Tun

Sein ist grundlegender als Tun. Dies ist eigentlich eine banale Feststellung. Ohne dass es uns gibt, werden wir schwerlich etwas tun können. Umgekehrt ist dies eher vorstellbar. Pures Dasein, ohne jede Aktivität unsererseits, ist in vielen Traditionen das Ziel meditativer Praxis.

Unsere Kultur suggeriert uns das Gegenteil. Alles dreht sich um das, was wir tun, ersatzweise auch um das, was wir haben. Wer wir sind, scheint dagegen unbedeutend und interessiert allenfalls Philosophen in deren Elfenbeinturm.

Mit Tun ist dabei nicht nur äußeres Handeln gemeint. Auch unsere Gedanken und Gefühle sind gefragt. Unsere Gedanken als Hort von Verstand und Vernunft genießen spätestens seit der Aufklärung höchste Wertschätzung. Unsere Gefühle, über viele Jahrhunderte weniger im Focus, holen in den letzten Jahrzehnten stark auf. Galt zu meiner Schulzeit noch eine „sachliche, rationale“ Betrachtungsweise als die einzig angemessene, so vergeht heute kein Interview ohne die Frage: „Und wie haben Sie sich dabei gefühlt?“ Die Fußballweltmeisterschaft 2006 hat es ans Licht gebracht: wir Deutschen haben auch Gefühle. Und sie werden sogar gewürdigt.

Mit dem Gewahrsein unserer Gefühle sind wir schon näher an dem dran, was wir sind, nicht mehr ganz so verschmolzen mit unserem Denken und Handeln. Aber vom Fühlen zum Sein ist es noch ein gewichtiger Schritt. Ob uns unsere Gefühle näher zum Gewahrsein unseres Seins führen oder nicht, hat wesentlich damit zu tun, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen. Je weniger wir sie bewerten und damit in die Funktionszusammenhänge unseres Denkens und Handelns einspannen, desto mehr bringen uns unsere Gefühle mit tieferen Ebenen unseres Seins in Kontakt. Vor allem wenn wir lernen, Gefühle erstmal da sein zu lassen und sie auf diese Weise anzunehmen, desto mehr helfen sie uns, von unbewusster, zwanghafter Aktivität loszulassen und einfach da zu sein.

Aus einer archetypischen Sichtweise heraus ist Sein weiblich und Tun ist männlich. Im günstigen Fall ergänzen und befruchten sich beide. Das Weibliche ist jedoch grundlegender. Eine Fortpflanzung weiblicher Wesen ist prinzipiell ohne ein männliches Zutun möglich, als „Parthenogenese“. Männliche Wesen sind ohne Weibchen jedoch zum Aussterben verdammt. Das Männliche ist – wie es einmal auf der Titelseite des Magazins „Der Spiegel“ zum Ausdruck kam – ein Luxus der Natur, aber prinzipiell entbehrlich. Ähnlich ist das Verhältnis von Sein und Tun kein ausgeglichenes. Analog zu „Ladies first“ ist das Sein grundlegender als das Tun. Wenn wir dies nicht realisieren, wird unser Leben ziemlich anstrengend und vor allem laufen wir Gefahr, dass unser Leben an uns selbst und unseren tiefsten Wünschen und Sehnsüchten vorbeiläuft.

Wir alle sind in einer Frau gezeugt worden und hatten dort unsere ersten neun Monate unser Zuhause. Unsere Urerfahrung von Geborgenheit assoziieren wir daher mit Weiblichkeit. Aus diesem Paradies wurden wir jedoch vertrieben. Wir wurden geboren und mussten lernen, mehr und mehr für uns selbst zu sorgen. Je schwieriger das war und desto mehr wir in unserem Wachstum zu kämpfen hatten, desto eher sind wir geneigt, uns nach den paradiesischen Zeiten im Uterus zurück zu sehnen. Diese regressive Sehnsucht wird oft verwechselt mit unserer Sehnsucht danach, uns in unserem puren Dasein getragen zu fühlen. Beide weisen jedoch in verschiedene Richtungen. Während es kaum einen Weg zurück in den Uterus gibt und diese Sehnsucht deswegen niemals erfüllt werden kann, so kann sie doch transformiert werden in die andere Sehnsucht, in die Sehnsucht, eine tragfähige Basis in unserer Existenz zu finden. Diese Sehnsucht kann uns helfen, aus dem Hamsterrad zwanghafter Aktivität auszusteigen und dadurch mehr und mehr das tun zu können, was wir wirklich tun wollen, und das zu lassen, was uns nicht entspricht.

Unsere Aktivität wird frei, wenn sie nicht mehr wesentlich der Existenzsicherung dienen muss. Dieses Anliegen kommt auch in der Diskussion um ein bedingungsloses Grundeinkommen zum Ausdruck. Es ist tragisch, wie viel Kreativität in unserer Gesellschaft durch den reinen Existenzkampf verloren geht, obwohl die Existenzsicherung eigentlich auf dem Niveau unserer Produktivkräfte gar kein Thema mehr sein müsste. Solange wir uns Sorgen machen, wovon wir unsere Brötchen und unser Dach über dem Kopf bezahlen sollen, fehlt diese Energie, um für uns selbst und die Gemeinschaft, in der wir leben, unseren kreativen Beitrag zu leisten. Wir werden buchstäblich aufgerieben. Auf einer tieferen Ebene, auf der es nicht um unsere materielle, sondern um unsere psycho-spirituelle Existenz geht, verhält es sich ähnlich. Wenn wir verbunden sind mit unserem Sein und uns dessen gewahr, dass wir dafür nichts tun müssen, dann können wir unsere Fähigkeiten zu fühlen, zu denken und zu handeln einsetzen so wie wir das wollen und wie es unseren Werten entspricht.

Unser Fühlen, Denken und Handeln mit unseren Werten und mit unserem Sein in Einklang zu bringen ist herausfordernd genug. Hier gibt es viel zu lernen. Für diesen Lernprozess sind wir allerdings erst frei, wenn wir nicht mehr falschen Götzen dienen. Als solche können wir die im Wortsinne perverse Überhöhung des Tuns auf Kosten des Seins bezeichnen. Sie ist in unserer Kultur üblich und steckt uns buchstäblich in den Knochen und in allen unseren Zellen. Hier können wir viel von den Kulturen des Ostens lernen, in denen das Innehalten, das Nichts-tun, das reine Gewahrsein, traditionell hohe Wertschätzung genießen. Eine gelungene Integration von Sein und Tun können wir allerdings auch dort nur selten beobachten und bleibt als evolutionäre Aufgabe für die Menschheit bestehen.

Unsere Lebendigkeit vollzieht sich zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite geschieht sie einfach und bedarf keiner bewussten Zutat unsererseits. Unser Herz schlägt, unsere Atmung strömt ein und aus, und für all das brauchen wir im eigentlichen Sinne nichts zu tun. Es geschieht von allein. Das Beste, was wir dazu beitragen können, ist es geschehen zu lassen.
Auf der anderen Seite haben wir aber auch Absichten und Ziele, und dafür können wir etwas tun. Auf diesem Pol unserer Lebendigkeit gilt: von nichts kommt nichts. Wenn wir hier nichts tun, dann werden wir unsere Ziele wahrscheinlich nicht erreichen. Wenn wir auf diesen Pol fixiert sind und glauben, für alles, was wir uns wünschen, etwas tun zu müssen, so kann diese Einstellung das spontane Geschehen zum Stillstand bringen. Wenn wir diesen Stillstand so interpretieren, als müssten wir eben noch mehr tun, so befinden wir uns in dem Teufelskreis, in dem sich auch beispielsweise unser Wirtschaftssystem befindet.

Wir alle kennen Lebensbereiche, in denen wir durch absichtsvolles Tun oft nicht weiter kommen: um uns zu verlieben, um eine Erektion oder einen Orgasmus zu bekommen, bei einer chronischen Krankheit oder wenn eine nahe stehende Person im Sterben liegt. Oft sind es existenzielle Situationen im Leben, die uns den anderen Pol ins Bewusstsein bringen: grundlegender als unsere Fähigkeit zu absichtsvollem Denken und Handeln ist unsere Fähigkeit, mit dem zu sein, was ist.
Daran orientiert sich auch die Schule des Seins. Es ist nichts falsch daran, etwas zu tun. Wenn unser Tun jedoch Ausdruck dessen ist, das wir es nicht lassen können, dann gibt es etwas zu lernen, was wir nicht durch zielgesteuertes Handeln erreichen können: einfach da sein.

Je mehr wir diese Fähigkeit wieder erworben haben – oder deren Blockierung losgelassen – desto freier und spielerischer werden unsere Aktivitäten. Wir können es bei Kindern beobachten: sie lernen die wichtigen Dinge im Leben wie nebenbei, durch den natürlichen Drang sich zu bewegen, sich zu verständigen und dabei die eigenen Fähigkeiten permanent zu erweitern. Sobald aber jemand sie unter Druck setzt und ihnen von außen etwas aufzwingt, ist es mit dem Spiel vorbei. Nicht ohne Grund heißt es bei der Einschulung: Jetzt beginnt der Ernst des Lebens. Es hat eine unfreiwillige tragische Komik, wie wahr dieser Satz ist, und wie entwicklungshemmend und entfremdend eine Schule wirkt, in der das Tun vor dem Sein kommt. In der Schule des Seins machen wir damit Ernst, die daraus resultierenden Verletzungen und Lernblockaden zu heilen und zu lösen, und das oft auch auf spielerische Weise. Daraus entsteht Vertrauen in uns selbst und unsere natürliche Bereitschaft zu lernen und zu wachsen. Damit wächst auch unser Vertrauen ins Leben und alle seine Herausforderungen.

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