Das innere Kind im Tantra

Der Zauber des Nicht-Wissens

Tantra ist etwas für Erwachsene, nichts für Kinder, vielleicht gerade noch etwas für Teenager. Im Tantra steht die innere Hochzeit von Mann und Frau, die Verbindung von Sex, Herz und Bewußtsein im Vordergrund, beides nicht gerade kindliche Themen. Darf unser inneres Kind dabei sein? Katzen
Wie erwachsen muß man oder frau für Tantra sein? Wenn Interessierte uns anrufen und fragen, was denn in den Gruppen so geschieht, werden uns alle möglichen Fagen gestellt: Wie alt sind die Teilnehmer? Muß man sich ausziehen? Wie läuft so ein Workshoptag ab? Brauche ich Vorerfahrungen? Kann ich auch ohne Partner kommen? Aber die Frage "wie erwachsen muß ich für Tantra sein?" habe ich noch nie gehört. Und trotzdem scheint mir, daß in all den Fragen diese Frage mitschwingt. Oder genauer gesagt: ist mein inneres Kind im Tantra sicher und gut aufgehoben? Oder muß ich so tun, als sei ich erwachsen?

Erwachsen sein ist in unserer Kultur eine ernste Angelegenheit. Mit der Schulzeit begann der Ernst des Lebens" und spätestens mit der Pubertät war die Zeit ziellosen Spielens vorbei. Wessen sexuelles Erwachen wurde in der Pubertät gefeiert? Wer konnte mit all den Möglichkeiten, die die körperlichen und hormonellen Veränderungen der Pubertät mit sich brachten, frei experimentieren und spielen? Wer Schauspielertalent genug hatte tat so, als wüßte er oder sie bereits alles (zumindest was auch in der "Bravo" stand...). Wer bei den pubertären Angebereien nicht mithalten konnte machte erneut Bekanntschaft mit dem "Ernst des Lebens" - in diesem Fall des Liebeslebens. Für mich persönlich war diese Zeit rabenschwarz, ich fühlte mich völlig überfordert und zog mich für Jahre in eine Bücherwelt zurück. Mädchen und Jungen, die die Möglichkeit hatten, ihre Sinnlichkeit und Erotik liebevoll zu erkunden, können sich glücklich schätzen. Für die meisten von uns ist diese Zeit nicht ohne tiefe Wunden aus Schuld- und Schamgefühlen, aus Mißbrauch und Einsamkeit vorüber gegangen. Wer konnte sich damals offen und ehrlich einem anderen Menschen oder gar den eigenen Eltern mit den Sorgen und Nöten anvertrauen?

Die Heilung unserer sexuellen Wunden, das Annehmen und feiern unserer Erotik ist eines der Themen im Tantra. Bevor wir sexuelle Energie für unser spirituelles Erwachen nutzen können, bevor sexuelle Vereinigung zur Meditation werden kann, bevor wir uns ekstatischen Zuständen überlassen können, brauchen unsere Verletzungen liebevolle Aufmerksamkeit. Denn solange nicht gefühlter und unverarbeiteter Schmerz in unseren Körpern lagert und die Energie absorbiert, kommen wir nicht weit. Wir müssen uns früher oder später diesem Schmerz erneut stellen, wenn wir ihn heilen wollen.
Der Heilungsprozess ist allerdings oft lebenslang, und wer möchte schon solange warten, bis wir auch die Freuden tantrischer Begegnung erforschen können? Unser Erleben läuft immer auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig, und wenn wir mit jemandem im Bett sind, sind dort meistens eine ganze Ansammlung von Personen mitbeteiligt: unser bewußtes Ich, unser verletztes Kind, unsere strafende Mutter, unser verspieltes Kind, unser drohender Vater, unsere versorgende Mutter, unser innerer Teenager..., und vielleicht auch schon unser innerer Tantriker. Alle diese Aspekte sind mit im Bett, ob wir wollen oder nicht. Wir können höchstens verschiedene innere Stimmen, wie sie z.B. im "Voice-Dialogue" genannt werden, aus unserem bewußten Erleben verbannen, um den Preis reduzierter Lebendigkeit und Ganzheit.

Wie erwachsen müssen wir für Sex sein? Wenn wir das innere Kind aus unserer Sexualität ausschließen, dann wird unsere Sexualität genauso wie die Politik, die Wirtschaft, die Kultur: in der Substanz grau, übertüncht durch grellfarbige Propaganda. Dürfen wir mit Sex spielen? Dürfen wir im Sex ÔNicht wissenÕ? Dürfen wir unsere körperlichen Lüste neu erforschen? Dürfen wir unserem Partner Fragen stellen wie beim "Doktor-Spielen"? Oder müssen wir weiter so tun, als wüßten wir schon alles: Vorspiel, Hauptspiel, Höhepunkt, Nachspiel. Ende.
Im Tantra gibt es so vieles neu zu entdecken, nicht zuletzt auch in unserer Erotik und Sexualität. Es gibt Zustände von Lust , Liebe und Ekstase, von denen die meisten Menschen nicht einmal zu träumen wagen. Der Weg dahin ist jedoch nicht einfach, er führt durch die Heilung unserer Wunden und durch die Achterbahn aller unserer Gefühle. Es ist ein Weg des Lernens. Umso schöner wäre es, wenn diesmal mit dem Beginn des tantrischen Lernens der Ernst des Lebens aufhören würde. Tantra wäre eine Schule, in der es o.k. ist, Fehler zu machen. Eine Schule, in der authentische Erfahrung wichtiger ist als totes Wissen. Eine Schule, in der es nicht darum geht, besser oder der Beste zu sein, sondern Du selbst. Eine Schule, in der es möglich ist, Lieben zu lernen. Eine solche Schule achtet und respektiert das innere Kind, den Aspekt in uns, in dem wir noch all die Erfahrungen und Potentiale unserer Kindheit in uns tragen.

Wenn ich die Sorgen von Männern oder Frauen, die uns anrufen und die sich für Tantra interessieren, aber gleichzeitig noch Ängste haben, auf einen Nenner bringen sollte, dann wäre der: darf ich in Tantrakursen sein wer und wie ich bin oder wird von mir etwas Bestimmtes erwartet? Ich höre in dieser Frage das innere Kind, das eine Kindheit lang mit Erwartungen bombardiert wurde, wie es sein soll und was es zu tun hat. Aus dieser Erfahrung heraus fällt es den meisten Menschen schwer, es sich auch nur vorzustellen, daß es einen Raum geben könnte, in dem Du ermutigt wirst, nicht mehr und nicht weniger als Du selbst zu sein. Einen Raum, in dem Du nichts tun mußt, fast alles tun darfst (außer bestimmter Regeln zum eigenen Schutz und zum Schutz der anderen), und in dem Du eingeladen wirst zu fühlen, was Du fühlst. Einen Raum , in dem das innere Kind sicher ist.
Für die Sicherheit des inneren Kindes ist es zentral, daß Grenzen respektiert werden. Grenzen sind organisch und dynamisch, sie verändern sich ständig, genau wie unsere Gefühle. Grenzen sind etwas anderes als unsere angelernten Blockaden oder statischen, verinnerlichten Verbote. Für fast alle Frauen und für sehr viele Männer ist das Nicht-Respektieren der eigenen Grenzen eine der größten Wunden und Hemmnisse für Intimität. Wenn ich meinem Partner nicht jederzeit "Stop" sagen kann, wie kann ich mich dann öffnen und "Ja" sagen?

In unseren Gruppen gibt es in jeder Situation, in jeder Übung und in jeder Struktur einen sicheren Platz, der es möglich macht, Grenzen jederzeit zu respektieren und Stop oder Nein zu sagen. Ich höre immer wieder von Tantrakursen, in denen nicht so viel oder gar kein Wert auf den Respekt für Grenzen gelegt wird. Dort heißt es dann " kümmer Dich darum in einer Therapie" oder "das sind nur Deine Egoverhaftungen, laß die einfach los". Jedes "Puschen" über die Grenzen hinweg bringt vielleicht manchmal vordergründig Erfolge, neue Erfahrungen und ein kurzfristiges Gefühl von Freiheit. Es verschreckt aber erneut das innere Kind, und tiefe Entspannung rückt noch weiter in die Ferne. Darüber hinaus kommen sehr viele Menschen mit sexuellen Mißbrauchserfahrungen zum Tantra, oft zunächst gar nicht bewußt. Wenn Grenzen dann erneut nicht respektiert werden, wiederholt sich oft nur die alte Mißbrauchssituation.
Gerade weil wir mit "erwachsenen" Themen arbeiten, mit dem Dialog zwischen Mann und Frau, mit Erotik und Sexualität, mit Liebe und Meditation, ist es umso wichtiger, das innere Kind bewußt dabei zu haben. Es kann sein, daß es in einer lust- und liebevollen Situation anfängt zu schreien und zu weinen, und niemand weiß in diesem Moment warum. Reagieren wir dann wie unsere Eltern mit "Hör sofort damit auf, Du störst" oder "Ist ja schon gut" oder "Du brauchst nicht zu weinen, es gibt gar keinen Grund" ? Oder können wir uns erlauben, das Erleben unseres inneren Kindes in unsere erwachsenen Begegnungen zu integrieren?

Wenn wir das innere Kind ausschließen, weil wir z.B. zielstrebig auf bestimmte ekstastische Zustände hinarbeiten wollen, weil wir Angst haben, was unser Partner davon hält oder weil es in der Meditation unsere Stille stört, dann ist es ja nicht aus der Welt. Es geht in der Untergrund. Dort wird es im schlimmsten Fall verkümmern, im besseren Fall wird es von dort aus unsere erwachsene Welt sabotieren und uns darauf aufmerksam machen, daß wir etwas sehr wertvolles aus unserer Erfahrung ausschließen. Es wird möglicherweise in den unpassendstens Momenten das Steuer übernehmen und uns eine Menge *rger einbringen. Es kann Beziehungen zerstören und psychosomatische Symptome herbeizaubern. Es kann besonders gut unsere Sexualität stören. Das innere Kind kann wirklich biestig werden, wenn wir ihm nicht zuhören. Genauso wie reale Kinder.

Ich selbst brauche auch immer wieder den Ärger, den mein inneres Kind mir macht, um aufzuwachen. Inzwischen begreife ich allerdings oft schneller, was es mir sagen will, wenn mein Hals anfängt zu schmerzen oder wenn ein Beziehungsstreit droht zu eskalieren. Wenn ich mit meinem inneren Kind nicht in Kontakt bin, kann ich tantrische Rituale komplett vergessen. Es verpaßt mir dermassene Unlustgefühle, die solange anhalten, bis ich hinhöre.
Wenn ich mich umschaue und mir die allgegenwärtigen Beziehungskonflikte und -desaster anschaue dann bekomme ich den Eindruck, als wenn in allen diesen Konflikten niemals zwei Erwachsene miteinander streiten. Es sind oft zwei etwa dreijährige innere Kids, die am Steuer sitzen und das Geschehen bestimmen. Das können sie nur solange tun, weil die streitenden Erwachsenen gar nicht merken, was in ihnen gerade ihr Verhalten bestimmt und kontrolliert. Auf diese Weise kann das innere Kind geradezu diktatorisch werden. Der Ausweg liegt nicht darin, das innere Kind zu verbannen, er liegt auch nicht darin, das innere Kind am Steuer des eigenen Verhaltens zu belassen. Er liegt darin, das Kind behutsam auf den Beifahrersitz zu setzen, das Steuer wieder selbst in die Hand zu nehmen und dann dem inneren Kind zuzuhören. Dann hört es meistens erstaunlich schnell auf, uns zu sabotieren oder zu tyrannisieren.

Aber es gibt nicht nur diese negative Motivation, das innere Kind in unser Erleben zu integrieren. Viel größer sind die Geschenke des inneren Kindes. Wer freut sich am meisten über einen wundervoll geschmückten Raum für ein tantrisches Ritual, mit Kerzen, schönen Düften, Federn, Glocken, Zimbeln und schönen Tüchern. Für das innere Kind ist das wie Weihnachten. Mit dem Ambiente ist es natürlich nicht getan, daß sich unser inneres Kind wohl fühlt. Es ist die Wiederverzauberung unserer Welt, die vor allem das magische Kind aufblühen läßt, und mit ihm unsere Intuition und unsere spirituelle Verbundenheit mit der Existenz. Es ist die Ziellosigkeit und das neugierige Erforschen erotischer Energie, die das spielerische Kind wach werden läßt und mit ihm eine Unermeßlichkeit an Kreativität, an Leichtigkeit und an müheloser Lernbereitschaft. Es ist der Raum des "Nicht-Wissens", der das spontane innere Kind ermutigt, einfach zu sein, ohne sich anpassen zu müssen, und mit ihm geschehen oft Durchbrüche in eine andere Dimension, in die Dimension von Sein jenseits aller Solltest, Müßtest, Dürfest. In diesem Seinszuständen können wir erfahren, daß Lust und Liebe unsere Natur sind und daß Lust und Liebe immer schon da sind, wenn wir aufhören, sie zu verhindern. Das innere Kind kann uns dorthin führen. Tantra kann uns dorthin führen. Wenn das innere Kind im Tantra dabei sein darf, da führt ja kaum noch ein Weg vorbei an der Liebe, an dem Geschenk unserer Existenz.

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