Ist spirituelles Leben paradox?

Um unseren ganz normalen Alltag zu bewältigen brauchen wir, so heißt es, ein gesundes und kraftvolles Ego. Die meisten Religionen und spirituellen Traditionen betonen hingegen die Notwendigkeit, das Ego zu überwinden, loszulassen oder gar als Illusion zu durchschauen, um Befreiung zu erlangen. Wie passt das zusammen?

Die Einheit allen Seins zu erfahren gilt als das große Ziel spiritueller Entwicklung. Unsere alltäglichen Erfahrungen sind jedoch geprägt von Höhen und Tiefen, von Freuden und Nöten, von unseren Vorlieben und Abneigungen. Endet diese Achterbahnfahrt mit der Erleuchtung? Ist sie die große Erlösung von allen Übeln? Oder ändert sich nur die Perspektive, mit der wir auf die Wechselfälle menschlichen Lebens schauen?

Vor nicht allzu langer Zeit waren erleuchtete Meister so fern unseres Alltages, dass Fragen nach einem „erleuchteten Alltag“ kaum konkrete Bedeutung hatten. Alles konnte in sie hineininterpretiert werden. Inzwischen gibt es allerorten Frauen und Männer, die von sich selbst oder von anderen für „erleuchtet“, „erwacht“ oder „verwirklicht“ erklärt werden.
Wir können also näher hinschauen, sind jedoch oft mit Widersprüchen konfrontiert: Erleuchtete Meister straucheln im Gestrüpp ihrer Persönlichkeit, betreiben professionelles Marketing für ihr spirituelles Business und haben anscheinend mehr oder minder die gleichen Macken wie wir alle auch. Andererseits scheinen manche spirituelle Sucher daran zu scheitern, ganz einfach ihr Leben auf die Reihe zu bekommen, so dass ihre Suche wie eine Flucht wirkt.

Sind die Paradoxien und Widersprüche, die zwischen Alltag und spirituellem Bewusstsein auftauchen, Täuschungen, die mit dem Erwachen überwunden werden? Ist unser Alltag „Maya“ (Illusion) und damit der mühsamen Auseinandersetzung gar nicht wert, oder ist ein gesundes, alltagstaugliches Ego die Voraussetzung, es auch loslassen zu können? Ist die Arbeit an unserer Persönlichkeit mit dem Erwachen zu Ende oder geht es dann erst richtig los? Und wie korrespondieren die beiden Ebenen? Gibt es spirituelle Integrität, die sich auch auf der Ebene der Persönlichkeit widerspiegelt oder sind wirkliche Meister „jenseits von gut und böse“?

In vielen Religionen und spirituellen Schulen stoßen wir auf Paradoxien wie:
• Der spirituelle Weg ist der weglose Weg.
• Die ersten werden die letzten sein.
• Es gibt nichts zu erreichen, du bist schon da. Wenn du das realisiert, bist du angekommen.
• In der Leere liegt die Fülle.

Wie betrachten spirituelle Lehrer und Autoren diese Paradoxien? Wie sehen sie das Verhältnis zwischen Persönlichkeit und Bewusstsein, zwischen Vielfalt und Einheit, zwischen Ego und All-eins-sein, zwischen Meditation, Geld verdienen und schmutzige Wäsche waschen?
Zu diesen spannenden Fragen fand auf dem Rainbow-Festival 2010 ein Podiumsgespräch statt. Hier die Videoaufzeichnung.
 

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