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Liebe

Lieben heißt "sein lassen"

Ist Tantra eine Liebesschule?

Wenn ja – was genau wird dort gelernt? Kommen Frauen und Männer in Tantragruppen, um tiefer lieben zu lernen? Suchen sie vor allem die Erfüllung von sinnlichen, erotischen oder emotionalen Bedürfnissen, die im Alltag zu kurz kommen? Oder steckt hinter dem Begriff „Liebesschule“ womöglich die Vorstellung geheimer esoterischer Sexualpraktiken?

Wenn ich mir das öffentliche Bild von Tantra anschaue, scheint dieser Eindruck naheliegend. Tantra wird häufig auf Sexualtechniken reduziert – als exotische Methode, als Softporno-Ästhetik, als erotische Dienstleistung im Wellnessgewand. Das ist verständlich, aber schade. Denn so werden viele Menschen abgeschreckt, die sich nach mehr Liebe sehnen und für die Tantra ein heilsamer Weg sein könnte.

Die kulturelle Spaltung zwischen Liebe und Sexualität ist tief. Für manche wirkt die Offenheit gegenüber Erotik im Tantra wie ein Beweis mangelnder Liebe oder fehlenden Respekts. Andere wiederum hoffen auf „Tantra“ als schnellen Zugang zu Ekstase – am liebsten ohne sich mit ihren Ängsten, Grenzen oder ihrem emotionalen Schmerz zu konfrontieren.

Doch Tantra, so wie ich es verstehe und lehre, führt nicht an der eigenen Verletzlichkeit vorbei. Der Weg zu einer wahrhaftigen Verbindung geht durch das Herz – nicht um das Herz herum.

 

Was Liebe nicht ist

Liebe ist eines der meistbesungenen und zugleich missverstandensten Worte. Es hilft deshalb, zunächst zu klären, was Liebe nicht ist:

  • Liebe ist nicht Bedürfnisbefriedigung. Viele Beziehungen werden damit begonnen – und scheitern daran.

  • Liebe ist nicht das Erfüllen von Erwartungen. Erwartungen sind Stolpersteine auf dem Weg zur Begegnung.

  • Liebe ist nicht Wohlbefinden. Wer versucht, Unwohlsein zu vermeiden, verschließt die Türen, durch die Liebe eintreten könnte.

  • Liebe ist nicht Zweisamkeit. Die romantische Vorstellung, Liebe müsse sich auf eine einzige Person beschränken, führt oft zu Enge und Leid.

  • Liebe ist nicht Sexualität. Erotische Anziehung ist zunächst anonym und archaisch. Erst durch das Herz wird sie persönlich und bewusst.

Liebe ist kein einzelnes Gefühl. Liebe ist ein Zustand, in dem jedes Gefühl sein darf.

 

Seinlassen – das einfache und doch herausfordernde Herzstück

„Love is letting be“ – Lieben heißt sein lassen –, war einer der Kernsätze meines Lehrers Alan Lowen, ist bis heute eine Grundlage meiner Arbeit. Seinlassen bedeutet: wieder fühlen zu lernen. Wahrzunehmen, was da ist – im Körper, im Herzen, im Kontakt mit anderen. Das klingt einfach, doch wir alle tragen alte Botschaften in uns:

„Reiß dich zusammen.“ – „Stell dich nicht so an.“ – „So etwas fühlt man nicht.“

Diese frühen inneren Verbote machen es schwer, uns selbst zu lieben. Sie engen unsere Beziehung zu anderen ein – und sie wirken auch in Tantragruppen weiter. Ein Ritual kann noch so schön sein: Wenn jemand plötzlich in alten Schmerz fällt, braucht genau dieser Schmerz Raum. Auch die Erlaubnis, bekleidet zu bleiben, wenn Nacktheit gerade nicht stimmig wäre. Eine Liebesschule, die diesen Raum nicht gibt, verfehlt ihr eigenes Ziel.

Freiwillige Öffnung ist immer tiefer als geforderte Öffnung. Ohne Freiheit entsteht kein Vertrauen – und ohne Vertrauen keine Liebe.

 

Wozu Tantra einlädt

Tantra im Sinne einer „Schule des Seins“ verbindet Sexualität, Herz und Bewusstsein – nicht als Technik, sondern als Haltung dem Leben gegenüber. Es lädt ein,

  • uns in unserer ganzen Menschlichkeit zu erleben,

  • Lust und Schmerz gleichermaßen wahrzunehmen,

  • uns selbst und andere sein zu lassen, wie wir sind,

  • und die Liebe nicht nur als Gefühl, sondern als Präsenz zu erfahren.

So verstanden ist Tantra tatsächlich eine Liebesschule – eine Schule des Menschseins. Keine Abkürzung zur Ekstase. Kein esoterischer Geheimlehrplan. Sondern ein Weg, dem Leben mit wacher Wahrnehmung, Mut und Herz zu begegnen.

Und vielleicht ist das die eigentliche Lektion:

Liebe wächst dort, wo wir aufhören, uns selbst optimieren zu wollen und beginnen zu sein.

Paradoxien der  Liebe

Es ist Samstagmorgen, 11 Uhr. Theo und Sabine liegen zusammen im Bett. Ihre beiden Kinder sind bei ihren Freunden. Sie haben viel ungestörte Zeit vor sich.
Theo schmiegt sich an Sabine, diese lässt es zu, ohne jedoch klar zu erkennen zu geben, ob sie es mag. Theo wird in seinen Bewegungen eindeutiger. Er hat Lust, mit ihr zu schlafen. Sabine macht kleine, ausweichenden Bewegungen, gerade unterhalb der Schwelle, wo sie provozierend wirken würden.
Theo: „Was ist mit dir?“
Sabine: „Ich möchte gern ganz in Ruhe mit dir liegen, ohne etwas tun zu müssen!“
Theo: „Das kannst du doch!“
Sabine: „Ich habe irgendwie das Gefühl, ich müsste jetzt mit dir schlafen.“
Theo: „Wieso?“
Sabine: „Ach, einfach so.“
Beide liegen weiter schweigend zusammen im Bett. Theo fühlt sich immer unwohler … weiter lesen