In Beziehungen gibt es Zeiten, in denen die Aufteilung überhaupt nicht fifty-fifty ist, und vermutlich wäre es auch eine ziemlich enge Vorstellung von Partnerschaft, wenn es immer so sein müsste.
Manchmal übernimmt eine:r über Wochen oder Monate fast den ganzen Haushalt oder finanzielle Absicherung, weil der/die andere krank ist. Manchmal bleibt die Kinderbetreuung lange an einer Person hängen. Es kann um Pflege gehen, um Depressionen, Burnout, eine Suchterkrankung oder um eine andere Lebensphase, in der der Mensch an unserer Seite gerade deutlich weniger tragen kann als sonst. Dann springen wir ein. Erst selbstverständlich, später oft mit deutlich mehr Kraftaufwand, und manchmal merken wir erst (zu) spät, wie sehr sich das eigene Leben inzwischen um die Krise des anderen herum organisiert hat.
Der Partner einer meiner Freundinnen hatte einen Bandscheibenvorfall und konnte über Monate kaum etwas übernehmen. Zwei Kinder waren ebenfalls da, der Alltag und ihr Job liefen weiter und ein großer Teil blieb an ihr hängen. Mittlerweile steht sie vor einem Burn-Out. Bei meiner Mutter war es ähnlich, als meine Oma ungefähr neun Monate bei meinen Eltern gelebt hat. Natürlich war meine Oma diejenige, die Hilfe brauchte, und meine Mutter trug einen großen Teil dieser Verantwortung. Gleichzeitig habe ich erlebt, wie viel mein Vater mitgetragen hat: Er hat auf Zeit mit seiner Frau verzichtet, Betreuung übernommen, Termine begleitet und die emotionale Belastung meiner Mutter mit aufgefangen.
Menschen, die danebenstehen und tragen, geraten leicht aus dem Blick. Wenn jemand krank oder pflegebedürftig ist, ist ziemlich klar, wem zuerst unser Mitgefühl gilt. Schwieriger wird es, wenn die Person, die mitträgt, irgendwann sagt: Ich kann nicht mehr. Dann wird aus einer praktischen Frage sehr schnell eine moralische.
Darf ich meine Grenze setzen, obwohl es dem anderen (vermeintlich) viel schlechter geht?
Eine Freundin sagte mir einmal, dass sie sich trennen würde, wenn ihr Partner in jungen Jahren dauerhaft pflegebedürftig werden sollte, weil sie ihr eigenes Leben nicht vollständig aufgeben wolle. Im ersten Moment hat mich dieser Satz erschreckt, weil er einem Bild von Liebe widerspricht, das tief sitzt: Wenn es ernst wird, bleibt man. Später habe ich verstanden, dass hinter ihrem Satz auch etwas sehr Lebendiges steckt: der Wunsch, weiterhin am Leben teilzunehmen, Freundschaften zu haben, Sexualität zu erleben, unterwegs zu sein, sich zu entwickeln und nicht irgendwann nur noch über die Funktion zu existieren, die man für einen anderen Menschen erfüllt.
Seitdem beschäftigt mich die Frage: Wie viel Selbstaufgabe gehört zur Liebe?
Wir haben starke Bilder davon, was Partnerschaft tragen sollte. Man hält zusammen, man lässt jemanden nicht im Stich, man steht schwere Zeiten gemeinsam durch. Das kann etwas sehr Schönes und Verbindliches haben. Gleichzeitig kann genau dieses Ideal dazu führen, dass Menschen sich über Jahre aufreiben, weil sie irgendwann nicht mehr auseinanderhalten können, ob sie noch aus Liebe handeln, aus Verantwortung, aus Loyalität, aus Angst vor Schuld oder aus der Vorstellung, dass ein guter Mensch eben durchhält.
Doch sollte es nicht weniger darum gehen, wie viel ich noch schaffen kann, und mehr darum, was ich geben kann, ohne mich selbst dabei zu verlieren.
Diese Frage begegnet mir in einer ganz anderen Größenordnung auch im Tantra.
Stell dir eine Übung vor, in der dir jemand gegenüber einen Wunsch äußert. Eine bestimmte Berührung, vielleicht auch etwas Intimeres. Und während du das hörst, merkst du: Eigentlich möchte ich das gerade nicht. Dann beginnt ein komplexer innerer Prozess: Ist das ein klares Nein? Ist da Unsicherheit, weil mir die Situation fremd ist? Gibt es einen Teil in mir, der neugierig wäre, wenn der Rahmen ein anderer wäre? Oder bin ich schon so sehr damit beschäftigt, was die andere Person möchte und wie ich auf sie wirke, dass ich meine eigene Reaktion kaum noch mitbekomme?
Ich mache mit, funktioniere, passe mich an und merke erst danach, dass ich innerlich längst ausgestiegen war. Dann bin ich erschöpft, gereizt, ziehe mich zurück oder habe das diffuse Gefühl, zu viel gegeben zu haben. Und manchmal kommt die Erkenntnis erst Stunden später: Eigentlich wollte ich das gar nicht. Die Grenze war also womöglich schon da, nur war sie leiser als der Wunsch nach Harmonie, nach Verbindung, nach Anerkennung oder danach, es gut zu machen.
Da berühren sich für mich Tantra und Partnerschaft stärker, als man auf den ersten Blick denken könnte.
Denn auch in langen Beziehungen passiert es, dass wir unsere eigenen Grenzen erst dann bemerken, wenn wir sie längst überschritten haben. Dann werden wir ungeduldig, zynisch, kalt oder ziehen uns innerlich zurück, obwohl wir äußerlich weiter funktionieren.
Dann stellt sich die Frage: Was ist eigentlich echte Verbindung?
Reicht es, dass ich körperlich da bin, Termine übernehme, pflege, organisiere und weiterlaufe? Oder beginnt Verbindung dort, wo ich noch genug Kontakt zu mir selbst habe, um dem anderen überhaupt wirklich begegnen zu können?
Für mich bedeutet eine Grenze nicht automatisch weniger Nähe. Oft ist sie genau das, was Verbindung erhalten kann. Wenn ich mich früh genug ernst nehme, Unterstützung hole, etwas ablehne oder sage, dass ich heute nur einen Teil geben kann, entsteht überhaupt erst die Chance, dass ich dem anderen wirklich begegne und nicht nur noch meine Rolle erfülle.
Und trotzdem steckt darin eine heikle Stelle, weil daraus sofort wieder ein neuer Anspruch werden kann: Jetzt soll die Person, die ohnehin schon wahnsinnig viel trägt, auch noch perfekt für sich sorgen, ihre Grenzen rechtzeitig erkennen und die Beziehung emotional stabil halten.

Manchmal ist Selbstfürsorge erst einmal sehr unspektakulär. Jemand übernimmt einen Nachmittag. Die Wohnung bleibt liegen. Die Kinder schauen zu viel Fernsehen. Es gibt zum dritten Mal Nudeln mit Tomatensoße. Eine externe Pflegekraft kommt ins Haus. Ich sage einen Termin ab. Ich schlafe woanders. Ich bin für zwei Tage nicht erreichbar..
Auch im Tantra finde ich diese kleine Dosierung unglaublich wichtig. Ein Nein muss Verbindung nicht beenden, und ein Ja schafft nicht automatisch Nähe. Dazwischen gibt es sehr viel Raum.
Ich kann sagen: Ich möchte kurz spüren. Oder: Das möchte ich nicht, aber etwas anderes wäre für mich stimmig. Oder: Ich kann dir davon ein kleines Stück geben und dann schauen, wie es mir damit geht. Die Fähigkeit, nicht sofort zwischen völliger Hingabe und kompletter Abgrenzung wählen zu müssen, ist die eigentliche Kunst in Beziehungen: weder sich selbst zum Maß aller Dinge zu machen noch sich selbst darin zu verlieren.
Die Größenordnung ist natürlich eine völlig andere, wenn ich einen kranken Partner über Jahre begleite oder für zwanzig Minuten in einer tantrischen Übung sitze. Die innere Bewegung ähnelt sich trotzdem.
Wie viel kann ich geben?
Was brauche ich selbst?
Wann handle ich aus Liebe, und wann aus Angst vor Schuld?
Wann halte ich etwas mit, weil mir die Verbindung wichtig ist, und wann halte ich nur noch aus?
Verbindung hält für mich mehr aus, wenn beide darin noch vorkommen.
Ich wünsche mir Beziehungen, in denen wir einander viel zumuten können, in denen wir durch schwere Zeiten gehen und tragen, wenn einer gerade weniger kann. Und ich wünsche mir gleichzeitig, dass wir früher merken, wann Mittragen langsam in Selbstaufgabe kippt und wann Fürsorge anfängt, den Kontakt zu uns selbst zu kosten.
Im Großen wie im Kleinen.
Bin ich gerade noch bei mir, während ich für dich da bin?
Herzlich
Kathrin
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Kathrin, Anja und Saleem