Paradoxien der  Liebe

Es ist Samstagmorgen, 11 Uhr. Theo und Sabine liegen zusammen im Bett. Ihre beiden Kinder sind bei ihren Freunden. Sie haben viel ungestörte Zeit vor sich.
Theo schmiegt sich an Sabine, diese lässt es zu, ohne jedoch klar zu erkennen zu geben, ob sie es mag. Theo wird in seinen Bewegungen eindeutiger. Er hat Lust, mit ihr zu schlafen. Sabine macht kleine, ausweichenden Bewegungen, gerade unterhalb der Schwelle, wo sie provozierend wirken würden.
Theo: „Was ist mit dir?“
Sabine: „Ich möchte gern ganz in Ruhe mit dir liegen, ohne etwas tun zu müssen!“
Theo: „Das kannst du doch!“
Sabine: „Ich habe irgendwie das Gefühl, ich müsste jetzt mit dir schlafen.“
Theo: „Wieso?“
Sabine: „Ach, einfach so.“
Beide liegen weiter schweigend zusammen im Bett. Theo fühlt sich immer unwohler. Er traut sich nicht mehr, sein Begehren zu zeigen. Er hofft, dass sie irgendwann die Initiative übernimmt. Aber nichts passiert.
Sabine: „Du bist so unruhig. Kannst du dich nicht einfach mal entspannen?“
Theo: „Ich habe Lust auf dich!“
Sabine: „Aha, habe ich doch gesagt. Warum hast du es denn abgestritten?“
Theo: „Weil ich nicht wollte, dass du dich unter Druck fühlst. Dann läuft ja eh nichts.“
Sabine: „Ich spüre es ja doch. Du kannst es ruhig zeigen, wenn du Sex willst.“
Theo schöpft Hoffnung: „Hast du auch Lust? Jetzt sind wir mal ganz ungestört!“
Sabine: „Das ist es, was mir Mühe macht! Wenn es unbedingt sein muss, dann verliere ich alle Lust! Dann komme ich mir so vor, als werde ich zum Objekt gemacht.“
Theo: „Aber das ist doch Quatsch. Ich will dich!“
Sabine: „Wirklich?“

Herzensfeuer

Theo: „Ja! Ich habe bloß Probleme damit, dass ich nie weiß, wie ich dir Lust bereiten kann. Wenn ich nichts tue, passiert nichts. Wenn ich versuche, dich anzumachen, fühlst du dich unter Druck.“
Sabine: „Genau das nervt mich so! Dass es permanent um mich geht. Kannst du dich nicht mal um dich kümmern?“
Theo: „Mach ich ja schon des Öfteren. Sex mit mir selbst ist echt einfach im Vergleich ...“
Sabine: „Also geht es doch nur um Sex. Nicht um mich!“
Theo wird etwas lauter: „Du machst mich wahnsinnig!“
Sabine: „Komm, dann vögeln wir halt. Sonst streiten wir uns wieder das ganze Wochenende.“
Theo: „Jetzt habe ich aber keine Lust mehr. Ich fühle mich wie ein Tanzbär, den man am Nasenband herumführt.“
Sabine legt sich aufreizend auf ihn und zieht sein T-Shirt aus. Theo ergibt sich seufzend in sein Schicksal. Obwohl er noch sauer ist, schluckt er es herunter, denn er will die Situation nicht vollends verderben. Die beiden haben Sex miteinander, aber weder Theo noch Sabine sind glücklich dabei. Als es vorbei ist, fängt Theo plötzlich an zu weinen. Sabine schaut ihn fragend an: „Was ist los mit dir?
Theo: „Ich kann es nicht fassen, wie gemein wir zueinander sind. Wir schlafen zusammen, aber ich fühle mich Lichtjahre von dir entfernt. Es tut unglaublich weh.“ Eine Weile liegen die beiden schweigend nebeneinander. Dann sagt Sabine: „Es berührt mich, das von dir zu hören. Ich dachte wirklich, du merkst das gar nicht. Ich war gemein zu dir, damit du es endlich spürst! Es tut mir auch weh. Aber ich weiß nicht weiter. Ich fühle mich total hilflos!“ Sie fängt an zu weinen.
Theo umarmt sie liebevoll, beide weinen zusammen. Dann macht er behutsam, aber eindeutig Anstalten, noch mal in sie einzudringen. Sabine schaut ihn überrascht an, will sich erst zurückziehen, lässt sich aber dann drauf ein. Das Liebesspiel das jetzt folgt, wechselt zwischen ganz zarter Umarmung und einem wilden Stoßen, in dem sich auch viel Wut entlädt.
Nachdem beide etwas erschöpft aneinander geruht haben, fragt Theo gelöst: „Das war göttlich. Warum ging das jetzt plötzlich?“
Sabine antwortet nachdenklich: „Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass etwas dran ist an dem ganz normalem Sadismus in Beziehungen. Und ich habe gerade erlebt, dass ich den nicht weg machen muss, um meine Liebe für dich wieder zu spüren. Aber ich muss ihn mir eingestehen. Sonst lass ich dich und letztlich auch mich ganz brutal verhungern.“

Liebe – an dieses magische Wort knüpfen wir unsere Erfahrungen intensivsten Glücks und unsere Hoffnungen darauf. Was ist schöner, als einen anderen Menschen aus ganzem Herzen zu lieben und sich auch selbst von diesem Menschen voll und ganz geliebt zu fühlen. Unsere Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe kann uns tief in menschliche Begegnungen hinein führen – oder auch davon weg.
Mit Liebe verbinden viele Menschen auch intensiven Schmerz, Enttäuschung und Verzweiflung. Doch der Schutz, den wir deswegen sowohl individuell als auch kollektiv der Liebe entgegenstellen, scheint die tiefe Sehnsucht nie ganz auslöschen zu können, auch wenn mancher Zyniker das vielleicht gern möchte. So landen wir immer wieder bei der Frage: Wie funktioniert Liebe? Wie bringen wir sie in unseren Alltag? Wie funktioniert liebevolle Partnerschaft?
An Büchern, die uns dazu ihre Glücksformel präsentieren, gibt es keinen Mangel. Aber trotz diesen Unmengen an Rezeptbüchern zu Liebe und Partnerschaft scheint das Ei des Kolumbus noch immer nicht gefunden.
Woran liegt es, dass – selbst unter besten Voraussetzungen – Paare auseinander gehen?
• Ist Liebe ein Kind der Freiheit und daher auch flüchtig wie der Duft des Flieders?
• Liegt es an der Natur der Leidenschaft, die nicht von Dauer ist?
• Liegt es an unseren Kindheitsdefiziten, die unsere Beziehungsfähigkeit beeinträchtigen?
• Liegt es an unserem Egoismus, am schnelllebigen Konsumdenken unserer Tage, an zu hohen Erwartungen, an romantischen und unrealistischen Beziehungsidealen?
Für alle diese Thesen gibt es prominente Fürsprecher. Oft sind es eben die Experten, die uns nach dem Motto „Problem erkannt – Problem gebannt!“ die Lösung gleich mitliefern wollen. Und vielleicht gibt es Leser, die mir bis hierher in der Hoffnung gefolgt sind, in diesem Buch endlich die Antwort zu finden? Nur zu gern würde jetzt ich die ultimative Patentlösung aller Beziehungsknoten präsentieren. Meine Kernthesen gehen jedoch in die entgegensetzte Richtung:

• Liebe und Beziehung stehen in einem grundsätzlichen Spannungsverhältnis zueinander.
• Liebe ohne Beziehung ist nicht von dieser Welt und daher auf Erden nicht lebbar.
• Beziehung ohne Liebe ist ein Gefängnis, mit dem wir uns nur soweit abfinden, wie wir bereits tot sind.
Was bleibt uns also übrig, als immer weiter das Unerreichbare zu versuchen? Wirkliche Liebe in nahem menschlichem Miteinander zu verwirklichen, ist nur punktuell möglich, aber zugleich für unser Seelenheil unverzichtbar. Es gehört wesentlich zu unserem Menschsein, dass wir uns unverdrossen weiter an dieser Aufgabe versuchen, auch wenn wir immer wieder scheitern.

Das Paradox der idealen Liebe

Intime Partnerschaften konfrontieren uns wie kaum etwas anderes mit dem ganzen Spektrum innerer und äußerer Widersprüchlichkeit. Können wir diese Widersprüche an uns heranlassen, damit sie ihre Wirkung auf uns entfalten können und uns in einen Raum einladen, der größer ist als alles, was wir uns vorstellen können?
Die ideale Liebe weiß darum, dass es ideale Liebe auf Erden nicht gibt. Die bedingungslose Liebe lässt auch die Bedingung der Bedingungslosigkeit fallen. Erfüllende Partnerschaft lässt Raum für die innere Leere. Wenn wir unseren Partner in seinem So-Sein annehmen und beglücken wollen, dann lassen wir ihn am besten auch unglücklich sein. Diese Paradoxien bekommen mit wachsendem Bewusstsein einen immer schöneren Klang. Sie werden in unserem Ohr von der dissonanten Missstimmung zur kosmischen Sinfonie, in der auch der gequälte, verängstigte Kleingeist in uns seinen Einsatz bekommt. Auf der Grundlage dieses paradoxen Verständnisses von Liebe und Beziehung können wir uns nun daran machen zu erkunden, wie wir dies konkret im Alltag umsetzen und wie wir es oft noch unbemerkt verhindern. Die Schlüssel dafür finden wir in unserer Kommunikation. Mit der Art und Weise unserer Kommunikation entscheiden wir, ob wir uns und unsere Umwelt wieder zurück in die Schubladen vermeintlicher Eindeutigkeit verstauen wollen oder ob wir uns für den alles einbeziehenden Raum des Seins öffnen.

Der Text ist zusammengestellt aus dem neuen Buch von Saleem Matthias Riek: „Herzensfeuer – eine Liebeserklärung an die Paradoxien des Lebens“, erschienen im Hans-Nietsch-Verlag März 2008
Herzensfeuer ist im Buchhandel meist vergriffen, kann bei uns aber noch bestellt werden.

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Der Sprung in der Schüssel... oder warum es Sinn macht, sich mit Paradoxien zu beschäftigen...

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